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By the way 308 – Merkel, Seehofer, Moral, Grindel, Bierhoff, Verantwortung, Heinz Dürr sogar, WM, Pavard, VfB – kein Wunder fast ein Longread...

11.07.2018
Ein letzter Text vor langer Sommerpause – und eigentlich weiß man vor lauter Elend gar nicht, wo man anfangen soll. So viele Leute würde man am liebsten einfach zum Teufel jagen.

Aber mit dem „Zum Teufel jagen“ ist das ja so eine Sache.

Einerseits erscheint es alternativlos, all jene zum Teufel zu jagen, die mit erschreckender Normalität darüber sprechen, man dürfe die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer nicht retten, weil sonst ja nur noch mehr kämen. Dabei verklausulieren diese Leute nur, was sie eigentlich denken, nämlich: Lasst sie lieber absaufen, dann trauen sich die anderen nicht. Den Kapitän eines Rettungsschiffes stellen sie gar vor Gericht, weil er Menschen vor dem elendiglichen Ertrinken gerettet hat. Welch Symbol moralischer Verrottung! Und alle deutschen Medien werden wochenlang von dem großen Thema beherrscht, was ein Horst Seehofer (der sich vor Kameras damit brüstet, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen nach – wait for it – Afghanistan „zurückgeführt“ wurden) aus reinstem machtpolitischen Kalkül und galoppierender Profilneurose nun will oder nicht will. Mitsamt seiner verachtenswerten Spießgesellen der Partei, die sich christlich schimpft. Inmitten eines Kontinents bzw. eines Verbunds europäischer Staaten, der vor gar nicht langer Zeit den Friedensnobelpreis erhalten hat. Was, bitteschön, haben diese Leute anderes verdient als Teer, Federn und eine Eisenbahnschiene, auf der sie geradewegs in die Hölle befördert werden. Auf möglichst langen Eisenbahnschienen natürlich, damit für das ganze braune Pack auch genug Platz ist.

Aber: Schon das Wort „alternativlos“ birgt ja in sich den Namen der Partei, die genau das macht. Die anderen einfach zum Teufel wünschen und das auch ganz offen immer wieder sagen. Und da ich mich über die dumpfen „Merkel muss weg“-Rufe von rechts aufrege, will ich eben nicht in ein ebenso dumpfes „Seehofer muss weg“ verfallen. Sondern ich wünsche mir, dass die Menschen eher heute als morgen selbst erkennen, dass man diese Leute eben nicht teeren und federn muss, sondern sie ganz einfach abwählen kann. Und genau an dieser Stelle stoße ich gegen das Gatter meines Ponyhofs.

Denn erstens kann ich zwar jemanden abwählen, muss aber leider fest davon ausgehen, dass die dann neu gewählten Leute genauso verrottet sind. Wenn nicht von Anfang an, dann doch nach kürzester Zeit an der Macht. Und zweitens muss ich ja schon längere Zeit mit ansehen, wie immer mehr Leute eben nicht die demokratische Schnauze voll haben angesichts der totalen moralischen Verrottung – ganz im Gegenteil, immer mehr Leute unterstützen diese Verrottung und applaudieren ihr und wählen Leute, die sogar noch verrotteter sind, tiefster Tiefpunkt noch lange nicht erreicht. „Grenzen dicht!“ fordern sie, obwohl es noch keine 100 Jahre her ist, dass europäische Länder genau das gemacht haben, als viele Menschen aus Deutschland flüchten wollen. Grenzen dicht, nicht unser Problem, sollen sie doch verrecken.

Also geh ich schnell wieder raus aus meinem Ponyhof. Und erwarte von Kanzlerin Angela Merkel, dass sie jetzt den moralischen Kompass rausholt und all jenen Bescheid gibt, die weiter in die Verrottung segeln wollen. Dass sie ein Machtwort spricht, das außer ihr derzeit niemand in Europa sprechen kann. Dass sie dieses Machtwort spricht, auch wenn sie nicht genau kalkulieren kann, was das in der Folge für sie bedeutet. Und ich bin sicher, dass zumindest einige andere in verantwortlichen Positionen ihrem Kurs folgen werden. Vielleicht werden viele Leute dann erst recht schreien und geifern – aber es ist wirklich höchste Zeit, die moralischen Eckdaten mal wieder nachzujustieren. Und den amtierenden Innen- und Sportminister hochkant rauszuschmeißen.

Ähnliches gilt, ein paar Nummern kleiner, natürlich auch für den DFB. Der kommunikativ so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man nur falsch machen kann. Und noch mehr. Kein Seminar zum Thema Kommunikation wird zukünftig darauf verzichten, den DFB als Beispiel zu nehmen, wie man es nicht machen sollte. Auch hier wünscht man einige der handelnden Personen eigentlich zum Teufel. Aber auch hier ist das nicht so einfach. Denn ein Präsident wird vom DFB-Bundestag gewählt, von Leuten, die alles andere vor Augen haben als einen moralischen Kompass. Also müsste Frau Merkel schon wieder ran, die hat Herrn Grindel ja schließlich auch zur Kandidatur überredet. Dann aber müsste sie einen anderen Kandidaten in Stellung bringen – und zeigen Sie mir bitte einen, der sich diesen Job antun möchte. Außer vielleicht Bierhoff.

Nochmal kurz die Basics aus meiner bescheidenen Warte: Özil und Gündogan haben Scheiße gebaut. Dafür hätte man die beiden rausschmeißen können, vielleicht müssen. Klare Kante zeigen. Hätten natürlich hinterher viele gerufen, „Ihr Deppen, wie kann man die beiden nur rausschmeißen, wegen Euch sind wir ausgeschieden.“ Manche hätten vielleicht sogar „Ihr Rassisten“ gerufen. Aber das hätte man aushalten müssen, hätten im Übrigen viele nachvollziehen können, klare Entscheidung und fertig.

Aber der DFB hat sich entschieden, beide Spieler mitzunehmen. Und deshalb greifen die Regeln, die ein jeder Chef in einem jeden noch so kleinen oder großen Unternehmen kennen muss, Oberste Direktive quasi: Als Chef stelle ich mich nach außen vor meine Mitarbeiter, ganz egal was war. Gibt es Beef, wird der intern geklärt. Los marones se las come en casa, sagt der Spanier – die Maronen isst man zu Hause.

Und wenn das Projekt schiefgeht, dann arbeitet man das gründlich auf. Man analysiert, woran es gelegen haben könnte. Man entscheidet, ob man einen neuen Trainer braucht, einen neuen Bierhoff auch. Und dann trennt man sich, oder man macht zusammen weiter.

Ein Chef jedoch, der über seine Mitarbeiter öffentlich herfällt, mit dem kann man nicht weitermachen. Deshalb sollte Herr Grindel zurücktreten. Und als letzte Amtshandlung Herrn Bierhoff entlassen. Ganz egal hierfür, ob sie das Rad der Kommerzialisierung im Lauf der Jahre überdreht haben oder nicht. Ganz egal, ob sie hier und da mal falsche Entscheidungen getroffen haben oder nicht. „Wo Menschen arbeiten, da werden Fehler gemacht“, sagte in reinstem Honoratiorenschwäbisch einst der Bahnchef Heinz Dürr. Aber wer als Chef seinen Mitarbeitern derart öffentlich in den Rücken fällt, der muss gehen.

Bei der WM war ich natürlich für Deutschland, das ging halt nicht so lange. Danach Neuorientierung, Uruguay, kleines, feines Land. Ein tolles Achtelfinale, dann war Schluss. Danach Probleme gehabt, schon wieder ein neues Team zu finden. Russland sollte es sein, nicht weil die so gut kickten, sondern eher Metaebene: ein bisschen Demut würde den arroganten Europäern gut zu Gesicht stehen. Und jetzt bleiben mir nur noch meine Freunde aus England, die mich einfach nötigen, ihre Truppe sympathischer Durchschnittskicker plus Harry Kane anzufeuern. Und Benjamin Pavard, dem tät ich’s auch gönnen. Aber nur, wenn er das Siegtor schießt. Für Kroatien sein fällt mir schwer. Zwar ist Modric der bessere Kroos, und die Begeisterung und Hingabe der Fans ist beeindruckend. Aber wenn die Hingabe der Fans das Hauptkriterium wäre, dann müsste ich ja auch die Böhsen Onkelz gut finden.

Wäre im Nachhinein wohl doch besser gewesen, das Turnier zu boykottieren. Würden wir zwar jetzt ebenso miesepetrig nebendranstehen und miesepetrige Sprüche klopfen, wären aber immerhin nicht so peinlich ausgeschieden. Und hätten uns jede Menge Ärger erspart bzw in die Zukunft verschoben. Machen ja viele so.

Und hier endet nun ein langer Text, der letzte vor einer langen Sommerpause. Wenn die Götter nichts dagegen haben, dann geht’s am 5. September weiter mit By the way 309. Dann hat die neue Bundesligasaison schon begonnen, der VfB hat die Bayern schon wieder besiegt, und im Stadion singen sie „Wenn Du mich fragst wer Meister wird...“. Und vielleicht spielt Benjamin Pavard dann immer noch in Stuttgart, weil er erst ein Jahr später Vincent Kompany bei Manchester City ersetzen wird, für eine Ablöse von 100 Millionen Euro. Die Götter werden’s wissen...


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